Never, never, never give up

Eigentlich hattest Du ja eine Vereinbarung mit Dir selbst, hattest einen Vertrag geschlossen. Schreiben wolltest Du, und zwar regelmäßig. Zu einer bestimmten Zeit, für eine bestimmte Zeitdauer. Doch es klappt nicht. Irgendwas kommt immer dazwischen. Du bist abgelenkt, wirst abgelenkt. Und wenn Du es dann doch geschafft hast, sitzt Du da, vor dem leeren Blatt, vor der leeren Seite. Und es kommt – nichts.

Kann es sein, dass Du ziemlich hohe Erwartungen hast? Erwartungen an Dich selbst, an die Qualität und Originalität dessen, was Du zu Papier bringst? Das ist der sichere Weg, um dauerhaft von Dir selbst enttäuscht zu sein. Und das kannst Du unmöglich wollen.

Wie wäre es also, wenn Du einmal versuchst, Deine Erwartungen konsequent zurückzufahren? Mach doch einfach mal ganz viele Fehler, und zwar mit voller Absicht! (es ist gar nicht so leicht, absichtlich einen richtig „schlechten“ Text zu schreiben – probier es aus!) Achte nicht auf Rechtschreibung oder Grammatik, auf geschickte Formulierungen oder auf eine möglichst originelle Handlung. Nein, je tiefer das Niveau, desto besser! Und dann lies laut, was Du verzapft hast. Schreiend komisch, oder?

Und jetzt nimm Dir einen Satz, irgendeinen. Er kann aus Deinem Lieblingsroman sein, aus der Zeitung, oder einer, den Du zufällig aufgeschnappt hast. Ich zum Beispiel habe kürzlich einen Satz gelesen, den ich mir spontan aufschreiben musste. Hier ist er:

„Rolf ist heute schlecht rasiert.“

Was fangen wir jetzt damit an?

Rolf hat also Bartstoppeln. Das hat er sonst nicht. Normalerweise rasiert er sich sorgfältig. Hatte er zu wenig Zeit? War er in großer Eile? Wenn ja, warum? Es könnte aber auch sein, dass er seine Stromrechnung nicht bezahlt hat und er deshalb kein Licht einschalten konnte. Und im Halbdunkel hat er die Hälfte der Bartstoppeln übersehen. Und das ist zu allem Übel auch noch jemandem aufgefallen, jemandem, den Rolf vielleicht lieber mit seiner gepflegten Erscheinung beeindruckt hätte. Wer könnte das sein? Seine Freundin, oder eine, die er gerne hätte? Oder war er bei einem Vorstellungsgespräch und hat gleich einen Punktabzug kassiert? Vielleicht hat er aber auch jemanden damit ärgern wollen, der großen Wert auf gründliche Rasur legt. Ist er Barkeeper? Arbeitet er an einer Hotelrezeption? Ist er vielleicht Empfangschef? Und was ist mit dem restlichen Outfit? Fällt die schlechte Rasur nur deshalb so auf, weil der Kontrast zu seiner sonstigen Erscheinung so groß ist?

Du merkst schon, worauf ich hinaus will: Aus einem einzigen Satz, der irgendwo völlig aus dem Zusammenhang, aus seinem Rahmen gerissen wurde, ergeben sich unzählige Fragen, deren Beantwortung jeweils eine komplette kleine Geschichte ergeben könnte. Und die sehr viel Lust darauf machen, einfach drauflos zu schreiben und die Fantasie spazieren gehen zu lassen. Einen solchen Satz findest Du immer und überall – und kann Dir so helfen, wenn der Schreibfluss mal ins Stocken gerät.

Also, gib nicht auf. Wag Dich hinaus in den dichten Dschungel, schau Dich gut um, und Du entdeckst interessante Blumen, gefährliche wilde Tiere, furchterregende Geräusche! Hier ist es schillernd, laut, giftig, gefährlich! Pflücke Dir einen Satz zusammen und schreib. Und wenn Du noch ein paar Anregungen brauchst – ich bin schon mal vorgegangen und habe Dir das hier mitgebracht:

  • Es begann mit dem Erdbeben.
  • Warum hast Du mich nicht angerufen?
  • Was Du auch tust, dreh Dich nicht um.
  • Das Mädchen an der Bushaltestelle wirkte nervös.
  • Er suchte die Taschen seines Blaumanns nach Streichhölzern ab.
  • Die Beerdigung sollte erst um 15 Uhr stattfinden.

Ich bin gespannt, was Du aus dem Urwald mitbringen wirst – lass es mich gerne wissen: astrid@textfactory.org

Happy writing!

Bildnachweis: Kristopher Roller on Unsplash.com – Thanks, Kristopher!