Im Übrigen ist der Kaiser nackt.

“Lügen erscheinen dem Verstand häufig viel einleuchtender und anziehender als die Wahrheit, weil der Lügner den großen Vorteil hat, im Voraus zu wissen, was das Publikum zu hören wünscht.”

Hannah Arendt

Autorensalon Tübingen

So, Ihr Lieben, es wird Zeit, dass ich mal etwas ausführlicher werde! Vor knapp anderthalb Jahren ins Leben gerufen, zusammen mit Wiederholungstätern aus meinen Schreibkursen und einigen neuen Interessierten, sind wir zu einer gut etablierten Gruppe geworden, die sich in dieser kleinen Stadt einen Namen gemacht hat. Wir kommen ein- bis zweimal im Monat zusammen, lesen unsere Texte vor und diskutierten heftig und angeregt über das, was wir da hören. Für den jeweiligen Autoren jedesmal eine gewinnbringende fruchtbare Angelegenheit, die den Text runder und deutlich klarer macht. Wir unterstützen uns gegenseitig und lernen so sehr viel aus den Diskussionen. Und damit wir ein Ziel haben, auf das wir hinarbeiten können, haben wir uns schon früh entschlossen, dass wir Lesungen veranstalten wollen. Lesung Nr. 1 fand im Dezember 2023 statt, Lesung Nr. 2 gestern.

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Alter weißer asozialer … Shit.

*Aus der Geschichtenwerkstatt*

Krass. Du sitzt in einem Café, liest ein Buch. Plötzlich schießt aus dem Nichts ein Mensch hervor, greift tief in seinen verbalen Dreckkübel hinein und bewirft dich mit seinen Fundstücken. Was geht hier vor? Du kennst ihn, kennst ihn auch so, wie er sich gerade gebärdet, doch ist die Geschichte ewig her, lange auserzählt, gestorben und begraben. Die Gefahr gebannt.

Glaubst du.

Und was machst du daraus? Du denkst dir das:

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Suchbewegungen

Die Suchbewegungen sind jetzt seit einem halben Jahr auf dem Markt, und so viel ist seitdem passiert! Ich befinde mich auf einer Reise ins Ungewisse, einer steilen Lernkurve und habe viel darüber erfahren, wie der Buchmarkt und ganz allgemein das Buchmarketing funktioniert. Ich wusste, dass es mir selbst überlassen sein würde, mein Buch bekannt zu machen und an interessierte Leser zu bringen – der Preis dafür, dass ich schon nach drei Wochen einen Verlag gefunden hatte und mich nicht weiter auf die Suche machen musste. Auch den Weg über die Agenturen habe ich mir damit gespart. Es hat Vorteile – aber eben nicht nur.

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YELLOW BRICK ROAD

Und nun ist die Zeit gekommen zu realisieren, dass aus dem Schreiben aus Spaß etwas Ernstzunehmendes geworden ist. Ich habe meine Geschichte geschrieben, die mir so am Herzen lag. Ich habe Teile davon wieder und wieder anderen Autoren präsentiert, wir haben diskutiert ohne Ende, ich habe bearbeitet, umgeschrieben, hinzugefügt, entfernt, montiert, verworfen, bis am Ende ein Resultat entstanden war, das Testleser, Lektorinnen und Verlegerin gleichermaßen überzeugt hat. Und diese Überzeugung hat letztendlich auch mich überzeugt, nach dem Motto, wenn andere das auch gut finden, kann es ja gar nicht so übel sein.

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YES!

Nach mehr als drei Jahren nicht ganz ununterbrochener Arbeit hielt ich im Frühjahr mein lektoriertes Manuskript als Hardcopy in den Händen. Ein dicker Wälzer, weil einseitig bedruckt, schwer, beglückend, beeindruckend – denn ich habe mir bewiesen, dass ich es kann, dass ich die Geschichte zu Ende schreiben und dann auch veröffentlichen kann und werde. Ganz richtig, die Ereignisse haben sich überschlagen! Ich habe einen Verlag gefunden, der Vertrag liegt vor, das Manuskript wird noch einmal lektoriert (warum auch nicht, man findet immer was….), und ich bin sowas von, ja, also, was eigentlich?

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*topie

Was ist das? Ich lese Ort, Raum, Stelle. Mit einem U davor bezeichnet der Begriff einen Ort oder auch einen Zustand, in dem alles perfekt ist, mit dem Präfix Dys das Gegenteil: einen Ort oder Zustand, der schlecht, defekt, verdorben ist. Ich kann alles mögliche davorsetzen, um dann einen Bedeutungswandel zu erreichen. Ich entscheide mich für Femi. Ein Ort für Frauen, von Frauen dominiert, ein Schutzort, ein Ort der Entfaltung ermöglicht, unbehelligt, frei von Hemmnissen und unberechtigter Kritik, die einschränkt, beschämt, stumm macht.

Warum frage ich mich das?

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Auf der Höhe

Der Bus fährt eine enge Passstraße hinauf, irgendwo in den Bergen. Die Sonne scheint, der Bus ist voller Passagiere, Ausflügler, alles junge Leute. Ich höre Lachen, sehe glückliche Gesichter. Ich sitze weit vorne, zwei Reihen hinter dem Busfahrer. Ein kleiner Mann, er trägt eine kurze Hose, abgewetzt, dazu derbe Bergstiefel und ein kurzärmliges Hemd. wie kann er mit diesen Stiefeln den Bus fahren kann, denn er spürt das Pedal unter seinem Fuß ja nicht. Er wird es wissen, wird wissen, was er tut, denke ich, und dann nicht mehr daran.

Der Busfahrer hat gute Laune, ständig dreht er sich zu den Fahrgästen um, erklärt irgendwas. Starker Dialekt, ich habe Mühe, ihn zu verstehen. Ich bin angesteckt von all der Fröhlichkeit um mich herum.

Der Bus ist sehr alt, war bestimmt schon sehr oft hier oben. Ich schaue aus dem Fenster: rechts von mir der steile Abhang. Wir in den Händen eines Mannes, der fröhlich ist. Etwas zu fröhlich ist. Er dreht sich wieder um. Die Straße wird breiter, eine Ausweiche, wir bleiben stehen. Der Abhang nur Zentimeter neben unseren Reifen. Ich schalte meine Fantasie aus, sie hat keinen Halfter, keine Zügel.

Ein Resümee: Ich bin 56. Ich bin Mutter. Ich habe einen guten Mann. Ich habe mehrere Berufe. Ich bin gesund, habe Geld. Wenn es jetzt zu Ende wäre. Ich hatte genug, mehr als andere.

Der Gegenbus hat uns passiert, unser Bus ruckt an und schleicht die Schotterstraße hinauf. Der Fahrer schaltet, der Bus ächzt.

Einem Passagier ist übel, sein Begleiter ruft nach vorn und bittet den Fahrer anzuhalten. Der Fahrer grinst weiter, nickt. Wir nähern uns gerade einer Almwiese. Der Fahrer hält an, die Person eilt zum Ausgang, schafft es gerade und übergibt sich mit grünlichem Schwall. Ich wende mich ab. Nicht sehen wollen.

Der Fahrer stellt den Motor ab, mit großer Kraftanstrengung zieht er die Handbremse an. Wir stehen schräg, das Hinterteil des Busses in Richtung Tal.

Einige andere steigen jetzt auch aus, ich bleibe sitzen, schließe die Augen.

Ein Ruck geht durch den Bus, ich öffne die Augen, sehe den Fahrer. Grinst nicht mehr. Der Bus rollt, rückwärts, talwärts. Der Fahrer zieht an dem riesigen Handbremshebel, der ist in der höchsten Position. Er tritt auf die Bremse, versucht, den Motor zu starten. Der Bus rollt, nimmt Fahrt auf. Die Felswände rauschen an uns vorbei. Schreie, Durcheinander. Ich bin still.

Das werden wir nicht schaffen. Das kriegen wir nicht hin.

Diesmal habe ich wohl kein Glück mehr.

Ich schließe die Augen. Ich denke an meine Kinder.

Und erwache.

Photo credits: Caleb Martinez on unsplash.com – Thanks, Caleb!

Milk Shake

Zugreisen bedeuten, geschenkte Zeit zu genießen. Wenn man über das Stadium des Suchens nach wichtigen Utensilien, des Kaffeeverschüttens, der Schläfrigkeit, des Wegdämmerns und wieder Hochschreckens hinaus ist (wobei man feststellt, dass man höchstens 10 Minuten bewusstlos war, obwohl es sich wie eine Ewigkeit anfühlt), kommt man dazu, sich den ernsteren Dingen zu widmen. Naja, Ernst…

Ich habe im Newsletter “The Paris Review” Mary Ruefles Poesie wiederentdeckt. Vor vielen Jahren war ich dank eines Podcasts auf Radio New Zealand auf sie gestoßen und habe mir daraufhin einen kleinen Gedichtband von ihr besorgt. Unbedingt wollte ich noch einmal ihre Reflexion dazu hören “Why I am not a good kisser”
(https://www.youtube.com/watch?v=Zcai4RsdVvw – oder hier: http://www.versedaily.org/2011/goodkisser.shtml).
Ich war augenblicklich gefesselt, zumal sie das Gedicht auch noch persönlich so vortrug, dass es ungemein an Authentizität gewann.

Auf den ersten Blick sehen ihre Gedichte gar nicht nach Gedicht aus, eher wie ein Fließtext bzw. eine Kürzestgeschichte. Oder ein Tagebucheintrag. Jedenfalls durchgängig stream of consciousness. Und damit unter die Haut gehend.

Und jetzt, auf der Fahrt in TGV von Marseille nach Tübingen habe ich viiiiel Zeit. Das Dösen ist erledigt, Essen, Krümeln, Kramen, Fallenlassen und Wiederaufheben ebenso. Und da ist sie wieder, Mary Ruefle, eine große amerikanische Poetin. Von solchen hört man hier nicht viel, es sei denn, sie bekommen den Nobelpreis für Literatur. Wie zuletzt Louise Glück. Kannten nicht viele, wage ich einmal zu behaupten.

Doch genug der Worte, meiner jedenfalls. Hier kommt der Milk Shake. The best shake I’ve ever had. Enjoy!

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Pinscherin

Manchmal denke ich spontan an ein bestimmtes Tier, wenn ich es mit einem Menschen zu tun habe. Häufig erkenne ich Ähnlichkeiten, und ich weiß, dass das nicht nur mir so geht. In einer fiktiven Kurzgeschichte habe ich versucht, das konsequent durchzuhalten – Ergebnis ist das Bild eines weiblichen Pinschers, eines lästigen kleinen Kläffers, der sich für größer und wichtiger hält, als er (oder sie) eigentlich ist. Und sich durch lautes und wütendes Gebell immer wieder ins Spiel zu bringen versucht, damit man ihn (oder sie) nicht übersieht.

In diesem Fall ist es ein Klischee – doch habe ich tatsächlich noch nie kleine Hunde erlebt, die sich als Stoiker erwiesen haben und durch Entspanntheit und Ausgeglichenheit aufgefallen sind.

Natürlich kann man alle möglichen Tiere dazu heranziehen und sich ihrer Eigenschaften bedienen, über die Konsens herrscht. Es bleibt beim Klischee, des besseren Wiedererkennens wegen. Und jetzt kommt die Pinscherin:

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