Wer zu spät kommt, …

Wer erinnert sich nicht an die Warnung, die Michail Gorbatschow am 6. Oktober 1989 Erich Honecker gegenüber ausgesprochen haben soll. Und es ist eigentlich auch völlig egal, ob er es wirklich so meinte, ob ein Fehler des Dolmetschers vorlag, oder ob er eigentlich auf die Situation in der UdSSR anspielte – seine Aussage war für viele Jahre danach ein geflügelter Spruch. Das Leben straft.

Zu spät kommen ist natürlich immer blöd: Das Büffet ist leer gegessen und Du hast großen Hunger, der Zug ist ohne Dich abgefahren, Du hast den Abgabetermin für eine Bewerbung verpasst, hast den Stapel Rechnungen auf Deinem Schreibtisch übersehen und musst jetzt heftige Mahngebühren bezahlen, hast den Hochzeitstag vergessen. Und Dein Date war schon gegangen, als Du es endlich zum Treffpunkt geschafft hattest.

Es gibt viele missliche Situationen, in die Du gerätst, nur weil Du nicht aufmerksam warst oder auf nicht auf die Uhr geschaut hast. Und ich bin heute auch einen Tag zu spät dran mit meinem Blog. Zugegeben, es macht mir schon etwas aus, dass ich Dich habe warten lassen, aber ich denke nicht, dass die Welt davon untergeht. Das kann in deutlich wichtigeren Angelegenheiten zum Problem werden.

Perspektivwechsel: Wie fühlst Du Dich, wenn Dich jemand warten lässt? Wenn jemand mit Deiner Zeit umgeht, als zählte sie nicht? Stell Dir vor, Du stehst zur vereinbarten Zeit am vereinbarten Ort auf einem belebten Platz. Es vergehen 3 Minuten, 5 Minuten, spätestens nach 10 Minuten beginnst Du Dich zu fragen, ob Du alles richtig verstanden hast. Wolltet Ihr Euch wirklich am Freitag hier treffen? Diese Woche? Und stimmt die Uhrzeit? Du beginnst zu zweifeln (und wenn Du so tickst wie ich, dann fragst Du Dich zunächst, ob der Fehler bei Dir selber liegt).

Du könntest jetzt erst einmal Dein Telefon anschauen. Ist eine Nachricht eingegangen? Sorry, bin im Verkehr stecken geblieben, Bahn verpasst, Fahrrad hat ’nen Platten, verschlafen, heute geht’s nicht, wie ist es mit morgen, gleiche Stelle? – Nichts dergleichen. Und was jetzt?

Du schaust Dich um. Einige Leute sehen zu Dir herüber – anscheinend bist Du ihnen schon ausfallen – aha, da wartet jemand auf etwas, oder jemanden. Du wirst nervös, weil das ja keine angenehme Situation ist. Wer wartet schon gern, vor allem, wenn man nicht weiß, wie lange…

Und wenn er oder sie nun nicht kommt? Und Du auch nichts hörst, nicht weißt, was geschehen ist? Ein Unfall vielleicht? Die schlimmsten Befürchtungen drängen sich in Dein Bewusstsein, nur, um sogleich wieder ganz tief dahin zurückgeschubst zu werden, wo sie herkommen. So ein Quatsch, das ist doch ganz und gar unwahrscheinlich!

Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige, so sagt man. Man lässt einfach niemanden warten, höchstens aus gutem Grund oder durch den Eintritt höherer Gewalt. Und Erdbeben, Überschwemmungen und Feuersbrünste fallen nun wirklich nicht in Deinen Verantwortungsbereich (nehme ich an).
Alles andere wäre mangelnder Respekt vor der Lebenszeit des anderen, lautet die Begründung.
Wie ist Deine Haltung dazu? Bist Du überpünktlich? Oder ein notorischer „Zuspätkommer“, jemand der gerne trödelt, und es ruhig angehen lässt? Kennst Du die Situation, die ich oben geschildert habe, in der Du Schweißausbrüche bekommst, weil sich beim Warten Sorge, Angst, Ärger, Enttäuschung ständig abwechseln? Oder bist Du tiefenentspannt und denkst Dir, das ist doch alles nicht so schlimm, die paar Minuten machen doch keinen Unterschied?

Hat Dich schon einmal „das Leben dafür bestraft,“ weil Du nicht rechtzeitig eintrafst, weil Du eine Frist verpasst hast? Schreibe die näheren Umstände auf. Versuche, noch einmal zu fühlen, wie es war, und schildere möglichst genau, wie es Dir ergangen ist. Und ich verspreche Dir, dass ich das nächste Mal wieder pünktlich schreibe!

Bildnachweis: Martin Adams on unsplash.com – Thanks, Martin!